Freitag, 28. April 2017

Die Eltern-Zeit genießen - aber wie?

"Genieße die Zeit mit deinem/n Kind/ern, sie werden ja so schnell groß."

Entspannt durch die Elternzeit mit High Need BabySo sehr dieser tolle Spruch mich während der ersten Zeit mit meiner Tochter genervt hat, so weiß ich doch mittlerweile, dass etwas Wahres dran ist. Jeder Moment mit unseren Kindern ist kostbar. Doch leider geht diese Erkenntnis im stressigen Alltag mit kleinen Kindern oft unter. Warum fällt das Genießen der Baby- und Kleinkindzeit vielen Eltern so schwer? Was können wir tun, um unseren Familienalltag zu entspannen und eine erfüllte Eltern-Zeit zu erleben?

       
Eigentlich scheint es eigentlich gar nicht so lange her, dass ich meine Tochter vor 2 1/2 Jahren genauso gestillt, herumgetragen und -geschaukelt habe, wie jetzt ihren kleinen Bruder - und doch kann ich mich an viele Details gar nicht mehr so recht erinnern. Hat sie auch immer so süß die Wärmelampe über dem Wickeltisch angestrahlt? Hat sie auch diese herzigen Gurrgeräusche beim Schlafen gemacht? In welchem Alter konnte sie ihr Köpfchen wie gut kontrollieren?

Und daraus folgt dann unweigerlich die Erkenntnis: Ich hätte alles viel genauer dokumentieren, mehr Fotos machen - und vor allem viel mehr genießen sollen! Doch warum habe ich das damals nicht wirklich geschafft?

Warum fällt das Genießen der Baby-/Kleinkindzeit vielen Eltern so schwer?

Bei mir spielten dabei sicherlich die folgenden Aspekte eine Rolle:
  • Müdigkeit / Erschöpfung
  • Überforderung
  • falsche Hoffnungen / Erwartungen
  • unrealistische Ansprüche
  • die schnelle Entwicklung unserer Kinder.

Entspannt durch die Elternzeit mit High Need Baby
Meine Baby-Tochter war zwar süß und wunderbar, schrie aber leider auch sehr viel, schlief wenig und ließ sich schwer beruhigen- ein klassisches High Need Baby. Ich weiß bis heute nicht wirklich, was ihr fehlte und war dementsprechend überfordert. Diverse Hausmittelchen gegen die berüchtigten Koliken (dazu möchte ich definitiv noch einen gesonderten Artikel schreiben), Arzt- und Osteopathenbesuche blieben ohne nennenswerte Wirkung - außer Stress und enttäuschten Hoffnungen bei mir.

Das einzige, was einigermaßen half, waren Stillen und Tragen bzw. schaukeln (auch diesem Thema möchte ich noch einen eigenen Artikel widmen). So konnten wir das Schreien zwar etwas reduzieren und kamen nicht an die gängige Definition für ein Schreibaby (3 Stunden Schreien täglich über einen Zeitraum von mehr als 3 Wochen) heran. Anstrengend und nervenzehrend war es aber trotzdem. 

Durch den Schlafmangel und das ständige Stillen, Tragen und Im-Kinderwagen-Herumfahren (selbstverständlich nur, nachdem ich sie vorher im Tragetuch zum Schlafen gebracht hatte...) war ich teilweise körperlich einfach total erschöpft, was sich natürlich auch nicht positiv auf die Stimmung auswirkte - zum Dokumentieren und Fotografieren hatte ich deshalb einfach oft weder Zeit noch Lust.

Entspannt durch die Elternzeit mit High Need BabyZudem sehnte ich damals gedanklich mehr das Ende der Babyzeit herbei, als dass ich sie festhalten wollte. Jeder Entwicklungssprung bedeutete für mich die Hoffnung auf Besserung meiner Situation. Denn auch dieses beliebte Elternmantra ist tatsächlich wahr:
"Es ist alles nur eine Phase."
Ja, so unglaublich es auch in verzweifelten Momenten bzw. Nächten klingt, Babys werden tatsächlich älter und schreien weniger - ob das insgesamt weniger anstrengend ist, sei dahingestellt, denn schließlich schlafen sie auch weniger, und ihr Bedürfnisse sind komplexer zu erkennen und zu befriedigen... Doch das wusste ich damals nur in der Theorie und wartete sehnlichst darauf, dass meine Tochter älter würde.

Ein weiterer Punkt, der mir das Genießen der Elternzeit so schwer machte, war die große Veränderung meiner Lebensumstände durch die Geburt meiner Tochter. Verstärkt wurde diese Veränderung bei mir sicherlich noch durch den Umzug in eine neue Stadt mit Beginn des Mutterschutzes. Aber auch ohne Umzug hätte inser High-Need-Baby mein Leben ganz schön auf den Kopf gestellt.
Mir fehlten meine Arbeit, die mir immer großen Spaß gemacht hatte, der Austausch mit meinen lieben Kollegen und ja, sicherlich auch die kleinen Erfolgserlebnisse und die Bestätigung, dass ich gut war in dem, was ich tat. Freunde und Familie hatten keine gleichaltrigen Kinder, wohnten weiter weg und / oder gingen tagsüber arbeiten. Dementsprechend waren sie - genauso wie mein Mann - tagsüber in ihren Alltag eingebunden, sodass ich tagsüber meinem Baby weitestgehend auf mich allein gestellt war.
Auch viele meiner liebsten Freizeitaktivitäten wie Reiten, Radfahren, Reisen oder Tai Chi waren nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt möglich - und selbst Lesen, Fernsehen oder Telefonieren geht weniger gut, wenn man dabei auf einem Gymnastikball wippt oder mit einer Hand / einem Fuß den Kinderwagen schaukelt, während man über das Handy Föhngeräusche, aka weißes Rauschen, hört.

Neben all diesen äußeren Faktoren waren es auch meine Ansprüche an mich selbst, die mir zu schaffen machten. Unbedingt wollte ich eine "gute" Mutter sein, alles "richtig" machen und alleine schaffen. Meine eigenen Bedürfnisse stellte ich möglichst zurück, um meinem Mann bei der Arbeit den Rücken freizuhalten und mein Baby zufrieden zu stellen. Gleichzeitig machte ich mir Vorwürfe, die Babyzeit so wenig genießen zu können und durch meine eigene Unzufriedenheit mit Schuld an der Unausgeglichenheit meiner Tochter zu tragen.

Tja, und dann ist da noch die seltsame Tatsache mit der veränderten Zeitwahrnehmung als Eltern. Ich habe manchmal das Gefühl, in richtig gehende Zeitlöcher zu fallen. Zum einen liegt das sicher an der Mischung aus Hormonen und Schlafmangel. So kann es bei mir vorkommen, dass ich "nur mal eben" stillen oder ein Buch vorlesen wollte, und wenn ich das nächste Mal auf die Uhr schaue, ist eine Stunde vergangen (und ich habe das selbe Buch 17x hintereinander vorgelesen 😉).  Zum andren hängt das verzerrte Zeitgefühl sicher auch damit zusammen, dass kleine Kinder so unheimlich schnell wachsen und sich weiter entwickeln. Stillstand gibt es in diesem Prozess nicht wirklich, kein Tag ist wie der andere. Und wenn der nächste Entwicklungsschritt oder die nächste Kleidergröße erst einmal erreicht sind, ist die Stufe davor unwiederbringlich verloren. Dadurch fliegt für die begleitenden Erwachsenen die Zeit gefühlt nur so dahin.

Entspannt durch die Elternzeit mit High Need Baby?!Rückblickend oder von außen betrachtet also eine mehr als ungünstige Konstellation von Umständen - doch was kann man dagegen tun, um die Eltern-Zeit mehr zu genießen?

Wie kann ich die Baby- und Kleinkindzeit wirklich genießen?

Die folgenden Maßnahmen haben mir geholfen, aus dem Teufelskreis von Müdigkeit, Enttäuschung und Einsamkeit heraus zu kommen und den Familienalltag zu entspannen:

  • Gleichgesinnte suchen: Baby- /Mutter-Kind-Kurse, Stillcafés, Krabbelkruppen oder auch (Indoor-)Spielplätze bieten Eltern die Gelegenheit, andere Familien mit ähnlichen Einstellungen und Interessen kennen zu lernen. Der Austausch kann helfen, die eigene Situation aus einer anderen Perspektive zu sehen, bietet Abwechslung, und liefert sicherlich auch den einen oder anderen hilfreichen Tipp für den Alltag.
  • Um Unterstützung bitten / Hilfe annehmen: So schwer mir dieser Aspekt auch fällt, so wichtig ist er doch. Das muss ja nicht gleich bedeuten, dass uns die Schwiegermutter die Unterwäsche faltet. Unterstützung kann so vielfältig sein, dass es sicher etwas  gibt, dass zur eigenen Situation passt. Vielleicht kann die Schwiegermutter lieber einen Kuchen backen - oder einen Gutschein für eine Haushaltshilfe schenken?
  • Momente / Entwicklungsschritte festhalten: Fotos machen, Fotobücher erstellen,   Entwicklungstagebuch führen - all das kostet Zeit und wird  schnell zur ungeliebten Aufgabe oder sogar Belastung. Deshalb ist es hilfreich, eine Methode zu finden, die einem wirklich Spaß macht. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wer keinen Spaß an reinen Fotos hat, füllt vielleicht ein Büchlein mit vorgegebenen Kategorien aus, markiert das Wachstum mit Hilfe einer Messlatte, oder macht in regelmäßigen Abständen Fotos mit den sogenannten Milestone Cards oder einen Hand- bzw.Fußabdruck von seinem Kind mit Fingerfarben bzw. Gips? 

    Entspannt durch die Elternzeit mit High Need Baby?!
  • Auszeiten nehmen: Manchmal hilft etwas Abstand, eine neue Perspektive zu gewinnen, aus der heraus wir weniger schöne Situationen eher akzeptieren oder sogar kreative Lösungsansätze entwickeln können. Dabei reichen manchmal schon wenige Minuten für ein leckeres Essen, ein schönes Bad oder einen Powernap. Und so undenkbar es für viele (vor allem stillende Mütter) auch scheinen mag - in den allermeisten Fällen kommt der andere Elternteil, Verwandte, Freunde oder Babysitter auch mal einen Moment ohne die Hauptbezugsperson(en) aus.
  • eigene Wünsche / Bedürfnisse ernst nehmen: Das ist auch so ein Punkt, bei dem ich definitv noch an mir selbst arbeiten muss... Natürlich stehen vor allem in den ersten Lebensmonaten die kindlichen Bedürfnisse im Vordergrund. Dennoch sollten die Bedürfnisse der Eltern nicht völlig unter den Tisch fallen - denn auch die Kinder profitieren letzendlich von entspannten, zufriedenen Eltern.
  • realistische Erwartungen:  Natürlich können wir auch und gerade als junge Eltern nicht alles (sofort) haben. Viel Zeit mit Kind und Familie verbringen, schneller Wiedereinstieg in den Job, perfekt geführter Haushalt, viele Hobbies, aktives Sozialleben und am besten noch nebenbei Umzug und chinesisch lernen- alles schön und gut, aber der Tag hat nunmal nur 24 Stunden, und der Schlaf kommt ja bei vielen Eltern sowieso schon zu kurz. Letztendlich müssen wir für uns selbst entscheiden und möglich klar der Familie kommunizieren: Was ist uns wirklich wichtig ist? Wie viel Zeit können und wollen wir für die verschiedenen Lebensbereiche aufbringen?
  • Kompromisse finden: Wie so oft im Leben ist auch im Familienalltag nicht alles schwarz oder weiß, blitzblanke Wohnung oder Messiehöhle, liebevolle Kinderbetreuung oder totale Vernachlässigung, aktives Sozialleben oder Einsiedlertum - die Realität liegt meist irgendwo dazwischen. Vielleicht gönnt man sich ab und an eine Babysitterin, macht Touren mit dem Fahrradanhänger statt Mountainbiking, trägt das Baby beim Staubsaugen im Tragetuch und lässt das Wischen für später..?
  • Zeit für die kleinen Dinge nehmen: Das Gesicht unseres Kindes beim Schlafen oder beim konzentrierten Spielen beobachten, zusammen Seifenblasen fangen, Grimassen schneiden, einer Schnecke beim Krabbeln zusehen, Sandkuchen backen und essen,  ein Lied singen oder einfach nur kuscheln - all diese Dinge sind keine to-do-Liste zum Abhaken, sondern ergeben sich spontan im Zusammensein mit Kindern - wenn wir uns die Zeit dafür nehmen. Sie sind nicht nur wertvoll  für unsere Kinder und unser Verhältnis zueinander, sondern können auch uns Eltern eine neue Welt eröffnen - eine Welt, in der alles möglich ist und die Zeit stillstehen kann.
"Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt." (Ernst Ferstl)
Entspannt durch die Elternzeit mit High Need Baby?!
Wie Ihr Euch denken könnt, klingen diese Maßnahmen sehr gut in der Theorie, sind aber in der Praxis nicht immer so leicht umzusetzen. Viele Aspekte werden meiner Erfahrung nach auch weit über die Babyzeit hinaus immer wieder aktuell. Gerade jetzt seit das zweite Kind da ist, finde ich es schwierig, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu erkennen und zuerfüllen. Dementsprechend wird das Thema sicherlich auch in den nächsten Blogbeiträgen immer wieder auftauchen😉


Wie habt Ihr Eure (erste) Elternzeit erlebt? Welche Maßnahmen helfen Euch, die Baby- und Elternzeit bewusst zu genießen? Ich bin gespannt auf Eure Kommentare!



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1 Kommentar:

  1. Ja ich glaube, die "realistischen Erwartungen" sind ein wichtiger Punkt, der (bzw. dessen Fehlen) uns in der ersten Zeit mit Baby zu verunsichert. Denn woher sollen wir diese realistischen Erwartungen erhalten? Woher sollen wir wissen, wie anstrengend denn wirklich so ein Baby sein kann? Oftmals wird es ja heruntergespielt oder ganz verschwiegen, weil sich junge Eltern schämen, dass sie mit ihrer Elternrolle nicht klarkommen. Es ist ein Teufelskreis, den wir vielleicht mit unseren Mama-Blogs etwas durchbrechen können ;-)
    Schön, dass Du Dich an meiner Herzpost-Aktion beteiligt hast!
    LG Wiebke

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